Ich habe zwei DEGIRO-Konten – ein Custody-Konto und ein Standardkonto – und heute begann ich, über den wirklichen Unterschied zwischen ihnen nachzudenken: wie sich meine Eigentumsrechte je nach Kontotyp ändern und welche Konsequenzen dies haben kann, falls der Broker meine Bestände verleiht oder ein Gegenparteiausfall eintritt. Meine Recherche hat ergeben, dass viele Broker, insbesondere Discount- und Neobroker, Wertpapierleihe betreiben, also Kundenaktien an Dritte verleihen, um Einnahmen zu erzielen. Selbst ETFs beteiligen sich daran, wodurch auch passive Anleger indirekt exponiert sind. Zwar kann dies die Rendite steigern, doch es birgt verborgene Risiken: Verschiebung des rechtlichen Eigentums, Gegenparteiausfälle, reduzierte Dividendenzahlungen und verstärkte Verluste in Stressphasen des Marktes. Historische Krisen, von Lehman Brothers und MF Global bis zu GameStop und Archegos, verdeutlichen diese Gefahren.
Die wenigsten Privatanleger wissen, dass ihre Aktien in vielen Fällen gar nicht wirklich „ihnen“ gehören. Zumindest nicht im juristischen Sinn. Denn viele moderne Broker – vor allem jene mit niedrigen Gebühren – betreiben sogenanntes Securities Lending, also das Verleihen von Wertpapieren der Kunden.
Auf den ersten Blick klingt das harmlos: Die Aktie bleibt im Depot sichtbar, du erhältst Dividenden, und dein Broker kann dafür ein wenig Zusatzrendite erzielen. Doch unter der Oberfläche birgt das Modell Risiken, die in Krisenmomenten plötzlich relevant werden können.
In diesem Artikel geht es darum, was Securities Lending ist, wie es funktioniert, warum es sich durchgesetzt hat – und vor allem: wie du als Anleger herausfindest, ob dein Broker es tut und was das für dich bedeutet.
Was ist Securities Lending?
Beim Securities Lending verleiht ein Broker oder eine Depotbank die Wertpapiere ihrer Kunden an Dritte – meist Hedgefonds, Short-Seller oder andere Finanzinstitute. Im Gegenzug erhält der Broker eine Sicherheit (Collateral) und eine Leihgebühr.
Solange alles glatt läuft, merkt der Kunde davon nichts. Doch rechtlich verändert sich in diesem Moment etwas Entscheidendes: Du bist nicht mehr Eigentümer der Aktie, sondern hast nur noch einen Rückgabeanspruch gegen deinen Broker.
Das bedeutet: Wenn der Broker oder der Leihnehmer ausfällt, kannst du theoretisch leer ausgehen – zumindest für eine gewisse Zeit.
Warum Broker das tun
Für Broker ist Securities Lending hochattraktiv. Es erlaubt ihnen, mit dem „stillen Kapital“ ihrer Kunden zusätzliche Erträge zu erzielen, ohne Gebühren erhöhen zu müssen. Deshalb konnten Neobroker wie Trade Republic, DEGIRO oder Scalable Capital in den letzten Jahren so günstige Konditionen anbieten.
In der Praxis gilt oft: Je niedriger die Handelsgebühren, desto wahrscheinlicher betreibt der Broker Lending. Für dich als Kunde bedeutet das: Du bezahlst deine Gratis-Order indirekt durch ein höheres Verwahrungsrisiko.
Wie verbreitet ist Securities Lending in Europa?
In Europa ist Wertpapierleihe heute die Regel bei Discount- und Neobrokern – und die Ausnahme bei klassischen Banken.

Traditionelle Depotbanken verwahren Kundentitel separat, oft bei Clearstream oder SIX. Neobroker bündeln die Bestände meist in Sammelverwahrung und behalten sich das Recht zur Wiederverwendung vor.
Historische Fälle: Wenn Securities Lending schiefging
Securities Lending ist kein theoretisches Risiko – es hat bereits mehrfach reale Verluste für Anleger und Instituteverursacht.
Die folgenden Beispiele zeigen, wie komplex und gefährlich das System in Stressphasen werden kann.
Lehman Brothers (2008): Das Musterbeispiel für geborgte Wertpapiere ohne Rückgabe
Vor der Finanzkrise 2008 war Lehman Brothers einer der größten Akteure im globalen Wertpapierverleih. Als das Institut kollabierte, wurden plötzlich Millionen verliehener Aktien nicht mehr zurückgegeben. Pensionsfonds, Banken und Kleinanleger, deren Broker die Titel über Lehman weiterverliehen hatten, standen über Nacht mit reinen Forderungen statt echten Aktien da.
Die Abwicklung dauerte Jahre. Viele Anleger erhielten nur Bruchteile ihres ursprünglichen Bestands zurück, weil Sicherheiten fehlten oder der Marktwert der Collaterals eingebrochen war. Der Fall gilt bis heute als Warnsignal:
→ Wenn der Leihnehmer ausfällt, bist du nicht mehr Aktionär, sondern Gläubiger in einer Insolvenzmasse.
MF Global (2011): Kundentitel als Sicherheiten missbraucht
MF Global, ein US-Brokerhaus unter Leitung des ehemaligen Goldman-Sachs-Chefs Jon Corzine, nutzte Kundeneinlagen und verliehene Wertpapiere, um riskante Staatsanleihe-Positionen zu hebeln. Als diese Positionen in der Eurokrise kollabierten, fehlten plötzlich über 1,6 Milliarden US-Dollar an Kundengeldern und Sicherheiten. Obwohl die Aufsicht den Verstoß als illegal einstufte, zeigte der Fall, wie eng Lending, Eigenhandel und Liquiditätsmanagement oft miteinander verwoben sind. Tausende Kunden mussten Jahre auf Entschädigung warten.
Robinhood und die GameStop-Krise (2021): Wenn Leihe zum Ketteneffekt wird
Während der GameStop-Rallye Anfang 2021 spielte Securities Lending eine Schlüsselrolle. Viele Short-Seller hatten sich Aktien geliehen, um gegen den Kurs zu wetten – in einem Ausmaß, das den Free Float überstieg. Als der Kurs explodierte, mussten Hedgefonds ihre Positionen schließen – und Broker wie Robinhood bekamen massive Nachschussforderungen von Clearingsystemen. Robinhood reagierte mit Handelsbeschränkungen, um die eigene Zahlungsfähigkeit zu sichern. Kleinanleger fühlten sich betrogen, obwohl das eigentliche Problem tiefer lag: Das Leihsystem selbst hatte die Volatilität und das systemische Risiko multipliziert.
Archegos Capital (2021): Das stille Risiko synthetischer Leihe
Archegos war kein klasslicher Hedgefonds, sondern eine Family-Office-Struktur, die mit Total Return Swaps arbeitete – also einer synthetischen Form der Wertpapierleihe. Mehrere Banken (Credit Suisse, Nomura, Morgan Stanley) verloren zusammen über 10 Milliarden Dollar, weil die hinterlegten Sicherheiten nicht ausreichten. Auch wenn hier keine physischen Aktien verliehen wurden, zeigt der Fall:
Sobald „geliehene“ oder „synthetisch replizierte“ Positionen im Spiel sind, kann der Ausfall eines Gegenparts ganze Ketten von Verlusten auslösen.
Cum-Ex und Dividend Arbitrage (Europa 2000–2015): Das ethische Problem
Ein weiteres Kapitel betrifft den massenhaften Missbrauch von Wertpapierleihe zur Steueroptimierung. Durch komplexe Leihketten rund um Dividendenstichtage wurde dieselbe Aktie mehrfach als „im Besitz“ verschiedener Parteien ausgewiesen – und damit auch mehrfach für Steuererstattung beansprucht. Das war kein Zufall, sondern systematischer Missbrauch des Securities-Lending-Mechanismus. In Deutschland und Dänemark entstand dadurch ein Schaden von geschätzt über 30 Milliarden Euro. Das Vertrauen in das gesamte Leihsystem hat seitdem erheblich gelitten.
Fazit aus den Fällen
Ob Insolvenz, Missbrauch oder Systemüberlastung – in allen Beispielen ist der gemeinsame Nenner klar: Securities Lending verschiebt Eigentum, Verantwortung und Risiko auf unsichtbare Weise. In ruhigen Zeiten ist das effizient. In Krisenzeiten kann es jedoch die Kette sein, die reißt, bevor der Markt überhaupt zusammenbricht.
Und was ist mit ETFs? – Das unterschätzte Kapitel
Viele Anleger glauben, ETFs seien von dieser Thematik unberührt. Schließlich „verleiht ja nur der Broker“ die Aktien, oder? Falsch gedacht. Tatsächlich betreiben auch die großen ETF-Anbieter selbst aktiv Securities Lending, um die Rendite zu steigern und die Gesamtkostenquote (TER) zu senken.
Wie ETF-Lending funktioniert
ETF-Anbieter wie BlackRock (iShares), Vanguard, Amundi, DWS (Xtrackers) oder Lyxor halten die physischen Aktien eines Indexfonds in einem separaten Fondsvermögen. Ein Teil dieser Aktien – häufig zwischen 5 und 30 Prozentdes Portfolios – kann an institutionelle Leihnehmer (meist Hedgefonds oder Banken) weiterverliehen werden.
Die Leihgebühren fließen zu einem großen Teil zurück an den Fonds – und damit an dich als Anleger. Beispiel: BlackRock gibt in der Regel 62,5 % der Leihgebühren an den Fonds weiter, 37,5 % behält das Unternehmen selbst.
So kann ein ETF, der Lending betreibt, tatsächlich ein paar Basispunkte mehr Rendite erzielen als ein vergleichbarer Fonds ohne Leihe.
Wo liegen die Risiken?
ETFs haben eine Besonderheit: Die verliehenen Aktien sind Teil eines Sondervermögens und somit grundsätzlich vor Insolvenz des Anbieters geschützt.
Aber – und das ist entscheidend – nicht vor Ausfall des Leihnehmers.
Fällt der Hedgefonds oder die Gegenpartei aus, der die Aktien geliehen hat, muss der ETF-Anbieter auf die gestellten Sicherheiten zurückgreifen. Diese Sicherheiten (z. B. Anleihen oder Bargeld) können im Stressfall an Wert verlieren oder schwer handelbar sein. Das heißt: Selbst wenn du einen ETF hältst, bist du indirekt in das Leihsystem eingebunden – mit allen prozyklischen Risiken, die es mit sich bringt.
ETF Lending – Übersicht der großen Anbieter

Fazit zum ETF-Lending
ETFs mit Securities Lending sind nicht per se gefährlich, solange das Risikomanagement robust ist. Aber sie sind nicht risikofrei.
Auch hier gilt:
Wenn du maximale Eigentumssicherheit willst, wähle Fondsanbieter mit geringer oder keiner Lending-Aktivität. Vanguard ist hier traditionell am konservativsten, während Amundi und iShares das Modell stärker nutzen, um Gebühren niedrig zu halten.
Risiko-Matrix 2026: Wie sicher ist dein Broker wirklich?

Schulnoten für Eigentumssicherheit

Rechtlicher Kern: Eigentum vs. Anspruch
Der entscheidende Unterschied zwischen sicheren und riskanten Modellen liegt im juristischen Eigentum:
Bei klassischen Banken bist du Miteigentümer der Sammelverwahrung – die Aktien gehören wirklich dir.
Bei Lending-Brokern bist du nur Gläubiger mit Rückgabeanspruch.
Das klingt nach einer Formalität, ist aber im Krisenfall der Unterschied zwischen sofortiger Rückgabe und jahrelangem Insolvenzverfahren.
Typische Anlegerfragen
„Aber mein Broker ist doch reguliert, bin ich dann nicht geschützt?“
– Nur teilweise. Die Einlagensicherung schützt Bargeld, nicht Aktien.
Wertpapiere sind nur geschützt, wenn sie nicht verliehen oder separat verwahrt sind.
„Bekomme ich etwas von der Leihgebühr?“
– Manche Broker (z. B. Interactive Brokers) teilen die Erträge.
Viele andere behalten sie komplett. Du trägst das Risiko, bekommst aber keinen Anteil.
„Was passiert mit Dividenden?“
– Während der Leihe erhältst du oft nur eine Ersatzzahlung – steuerlich anders behandelt und manchmal geringer.
Fazit: Drei Anlegerstrategien für 2026
Sicherheitsorientiert:
Verwahre langfristige Aktien bei klassischen Banken oder Custody-Konten.
Keine Wertpapierleihe, kein Gegenparteirisiko.Effizienzorientiert:
Nutze günstige Broker (DEGIRO, Scalable, Trade Republic) für kurzfristiges oder spekulatives Kapital.
Akzeptiere das Lending-Risiko bewusst.Hybridstrategie:
Teile dein Depot:
70 % in sicheres Verwahrmodell, 30 % in günstigen Broker für Trades.
So kombinierst du Schutz und Flexibilität.
Schlussgedanke
Securities Lending ist kein Betrug, keine Panikmache – sondern ein systemisch akzeptiertes Finanzinstrument. Aber wie immer gilt: Was du nicht verstehst, solltest du nicht besitzen.
Viele Privatanleger denken, sie besitzen ihre Aktien vollständig – in Wirklichkeit besitzen sie oft nur ein Versprechen. Und selbst, wer „nur ETFs“ hält, ist Teil dieses Versprechenssystems.
Die Rendite der Zukunft wird nicht nur von Kursen abhängen, sondern auch davon, wem dein Depot in der Krise wirklich gehört.
Aus meinen Erfahrungen mit beiden DEGIRO-Konten habe ich gelernt, wie entscheidend es ist, nicht nur auf Rendite und Gebühren zu achten, sondern auch die rechtlichen Feinheiten und Risiken von Wertpapierleihe zu verstehen. Ich hoffe, dass das Teilen dieser Erkenntnisse anderen Anlegern hilft, fundiertere Entscheidungen zu treffen und die Strukturen zu wählen, die ihr Vermögen in den heutigen komplexen Märkten am besten schützen.